Tödliche Entscheidung

Tödliche Entscheidung  In der Theater-Webserie  kriegt Ermittlerin Lotte Ringwald – für ihre hohe Intelligenz geachtet, für ihren analytischen Blick gefürchtet und so gar keine Teamworkerin – ein Problem: Polizeipräsident Lippert hat ausgerechnet ihr den jungen Maik Suhlhaupt als Kollegen aufs Auge gedrückt – wenn man der Neffe des Dresdner Polizeipräsidenten-Stellvertreters ist, geht es von der Polizeiakademie anscheinend direkt zur Mordkommission. Neben der Frage, wie sie „diese Pfeife“ (Lotte Ringwald) wieder loswird, steht die Oberkommissarin aber vor weiteren Problemen: den unpassenden Scherzen und Weitschweifigkeiten ihrer Assistentin Maren und den Flashbacks, anscheinend hervorgerufen durch Drogenexperimente in ihrer bewegten Jugendzeit. Und dann geschieht auch noch ein Mord …

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Die taz aus Berlin war begeistert

 Kaum sind die Theater wieder geschlossen, da schmeißt die Kulturszene die Bildschirme an. Und das nicht nur wegen Fernsehen, Netflix und Co., sondern weil auch die Schauspielhäuser im Norden wieder vermehrt streamen: Am Samstag etwa überträgt das Hamburger Schauspielhaus seine nun publikumsbefreite Premiere von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ins Internet, kommende Woche lädt das Schauspiel Kiel mit “Golem 24143“ zum interaktiven Theaterspiel an Monitor und Telefon. Bereits fertig und im Netz verfügbar ist der von vornherein für die Kamera inszenierte dreiteilige Bühnenkrimi „Tödliche Entscheidung“ aus Osnabrück.

Es geht also weiter, nur nicht mehr Hals über Kopf. Und neben organisatorischen, technischen und rechtlichen Hürden rücken langsam auch ästhetischen Fragen in den Mittelpunkt. Das nämlich ist beim engagierten Draufhalten der ersten Wochen schnell klar geworden: Film, Fernsehen und Theater sind erstens nicht das Gleiche – und vertragen sich zweitens auch längst nicht immer gut miteinander.

Dominique Schnizers „Tödliche Entscheidung“ ist ein Fall, in dem es gut funktioniert. Die Webserie des Osnabrücker Theaters ist auch keine Hauruck­aktion aus der Not, sondern war bereits vor dem Lockdown angelaufen. Die Inszenierung orientiert sich stark am Fernsehkrimi, versucht allerdings, das interaktive Moment eines Theaterbesuchs durch Publikumsbefragungen sogar noch zu steigern. „Wen es erwischt hat“, steht am Ende des erstens Teils über dem eingefrorenen Bild einer verhüllten Leiche: „Ihre Entscheidung.“

Äußerlich folgt „Tödliche Entscheidung“ den Konventionen des Genres: Rückblenden deuten das Tatgeschehen an, während im Büro das Ermittler:innenduo Monika Vivell und Viet Anh Alexander Tran Konflikte vor allem miteinander austrägt. Die Kamera schaut sich derweil um, in einer dank Nahaufnahme bemerkenswert detailliert zu besichtigenden Szenerie, vom Tacker auf dem Tisch bis zum wippenden Strohhalm in der Energydrink-Dose der entsprechend aufgekratzten Oberkommissarin.

Bemerkenswert gegenwärtig wirkt das, weil auch im Krimi Corona herrscht und die Ermittler:innen einander auf dem Flur distanziert umtänzeln: präzise umgesetzte Alltagsbeobachtungen, die das Stück tatsächlich authentisch-aktuell wirken lassen, statt es zu überfrachten. Eigentlich müsste man dank fehlender Außenaufnahmen und Statist:innen-Horde sagen: „Tödliche Entscheidung“ sei ein Fernsehfilm mit beschränkten Mitteln.

Nur schaut man’s anders, weil eben „Theater“ drüber steht: ein Rahmen, der schon aus Tradition einen deutenden Blick provoziert. Vom Ausdruck der Spielenden, der hier beabsichtigt oder nicht, zwangsläufig als ironischer Kommentar aufs Vorabendfernsehen rüberkommt. Weiter geht’s beim Plot, der sich trotz Publikumseingriffen schlüssig entwickelt, aber doch nie die eigentliche Spannung stiftet. So ist das im Theater, wo seit 400 Jahren mit Romeo und Julia gezittert wird, obwohl wirklich jede:r weiß, dass die Sache kein gutes Ende nimmt.

 

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  • Theater/Online-Format Tödliche Entscheidung
  • Regie und Buch Dominique Schnizer
  • Bühne und Kostüme Christin Treunert
  • Live-Schnitt/Bildgestaltung Christoph Otto
  • Musik Jan van Triest
  • Dramaturgie Marie Senf
  • Fotos Uwe Lewandowski / Screenshots
Monika Vivell
Monika Vivell, Magdfalena Kosch
Ronald Funke, Philippe Thelen
Philippe Thelen, Magdalena Kosch
Monika Vivell
Monika Vivell, Juliane Böttger
Hannah Walther, Viet Anh Alexander Tran
Monika Vivell
Monika Vivell, Viet Anh Alexander Tran
Philippe Thelen
Hannah Walther
Monika Vivell